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Liu He - Die sechs Harmonien

Die sechs Harmonien nach Dai Long Bang

Die folgenden Zeilen stammen von Dai Long Bang (1750), dem Lehrer von Li Luoneng (Ahnvater des heutigen Xingyi Quan) und beschreiben die inneren und äußeren Relationen unseres Körpers im Neijia (in den Inneren Künsten):


liuhe1. Die Hände sind mit den Füssen verbunden,
2. die Schultern mit den Hüftgelenken,
3. die Ellbogen mit den Knien.
4. Das Herz steht in direkter Beziehung zum yi (Intention),
5. das yi mit dem qi und
6. ist das qi mit der Kraft verbunden.
Übt man dies Tag für Tag, erlangt man das vollständige Wissen, lebt in allen Lebensumständen tugendsam, erlangt das Verständnis der Prinzipien und wird eins mit der Essenz, so wird man fähig natürlich zu kommen und zu gehen, gleich ob stark oder schwach, wird man fähig sein vor- oder zurückzugehen, weich oder hart.
Ist Inneres und Äußeres vereint sind dies die Sechs Richtungen.
Sind die Sechs Harmonien gemeistert sind die die Sechs Fertigkeiten."

 

Eigentlich dem Xingyi entsprungen werden die sechs Harmonien mittlerweile in allen Neijia-Stilen zitiert - und manchmal sogar angewandt. Ich schreibe manchmal, da solche Kernsätze gerne in den Unterricht einfließen, viele Lehrer diese Sätze leider aber nur in der Theorie beherrschen und sie so noch weniger vermitteln können.
Im Folgenden möchte ich diese Prinzipien etwas tiefer erläutern:

1. Hände und Füße
Hände und Füße sollten wie Wurzel und Blatt eines Baumes, miteinander verbunden sein, oder - wie es in den Klassikern beschrieben wird - der Körper ist wie eine Kettenreihe, in welcher alle Perlen aneinandergereiht miteinander verbunden sind. Die Füße mögen hier die erste, die Hände die letzte Perle in der Reihe sein. Ein anderes Bild mag ein Billardstock sein: das, was am unteren Ende stattfindet, hat essentielle Bedeutung für alles, was an der Spitze passiert - und umgekehrt.

2. Schultern und Hüftgelenke
Ihre Position zueinander und ihr Zusammenwirken haben entscheidenden Einfluß auf jede Technik. Bewegen sie sich synchron, so stabilisieren sie sie, geben ihr innere Kraft, lösen sie sich so löst sich zugleich die innere Verbindung zwischen Händen und Füßen.

3. Ellbogen und Knie
Sie sind zum einen ebenso Mittler wie Schultern und Hüfte, weiterhin aber auch stehen sie in Relation bezüglich des Bewegungsradius.

4. Herz und yi
Die inneren Prinzipien sind nicht ganz so leicht zu verstehen, da sie nicht so leicht physikalisch erfahrbar sind. Der Sitz des Geistes (shen) ist im Herzen (und im Chinesischen ist nicht allein das organische Herz gemeint). Ist das Herz in Ruhe, klar und vital, so vermag das yi kontrolliert und zielgerichtet in die entsprechenden Regionen des Körpers ausgesandt werden. Ist das Herz mit anderen Sachen beschäftigt, verwirrt oder schwach, so gleicht das yi einer umherirrenden Fliege, bald ist es hier, bald ist es dort.

5. yi und qi
Beide sind eng miteinander verbunden. Um ein meinen Lesern vertrautes Bild zu benutzen: Das qi ist der Reiter und das Blut ist das Pferd. Das yi ist ein kleines Männchen mit einer leuchtend gelben Fahne, welches vorauseilt. Das qi reitet überall dorthin, wo das Männchen mit der Fahne winkt. Ist kein Fahnenmännchen unterwegs glaubt das qi, es habe frei, lungert herum oder schnarcht vor sich hin. Auf Techniken bezogen bedeutet dies: Geht meine Aufmerksamkeit nur bis zum Unterarm, so wird mein qi auch nur bis zum Unterarm traben. Dessen Bedeutung finden wir in der sechsten Harmonie:

6. qi und Kraft
Mit Kraft ist hier das jin gemeint, die innere Energie. Um den Unterschied zwischen jin und qi zu verdeutlichen: Als Bild nehme ich hier das Meer und die Welle. Das Meer ist das qi und das jin die Welle. Die Welle ist eine Manifestation des Meerwassers, ein spezifischer Ausdruck seiner Kraft. Geht meine Aufmerksamkeit nur bis zum Unterarm, so geht auch das qi nur bis hierher und die Kraft, das jin, kann sich nicht in der Hand oder in den Fingern enffalten.

Nun mag man sich vorstellen, wie es um qi und jin stehen mag, wenn man während z.B. der Formübung in Gedanken und/oder mit dem Herzen schon bei der nächsten Übung oder beim abendlichen Fernsehprogramm ist: Die Bewegung ist leer, eine zwar äußerlich erkennbare Hülle, aber ohne Inhalt - und damit auch ohne irgendeine wesentliche Wirkung.
Andererseits mag uns dies zu verstehen helfen, welch tiefen Wert rechtes Üben bedeutet, welche entspannte und tiefe Konzentration, innere Harmonie entstehen kann und wie wundervoll solches Körperbewusstsein sein kann - letztendlich in allen Lebenssituationen.