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Der achtfache Pfad

Oder: Nicht alle guten Dinge sind immer unbedingt drei!

Wenn ich Gesprächen lausche, so höre ich manche von den "fernöstlichen Weisheitslehren" sprechen und erzählen, von asiatischen Philosophien, von Taoismus und Buddhismus und danach bröckelt zumeist eine asiatische Spruchweisheit oder angeblich buddhistische Regel hinterher. Tatsächlich sind viele der fernöstlichen Künste - und besonders die hier auf dem Wushan kultivierten - geprägt von Daoismus und Zen-Buddhismus. Im Folgenden möchte ich diesen geistigen Hintergrund anhand des buddhistischen achtfachen Pfades etwas mehr beleuchten und die Inhalte dieser Prägung deutlicher machen..

Was besagt eigentlich die Lehre Buddhas?

Im Lotussutra werden die Grundessenzen klar und deutlich beschrieben:
Buddha erkannte und verkündete die sog. "Vier edlen Wahrheiten". Nämlich

Buddha1. Es gibt Leiden.

2. Es gibt einen Ursprung für das Leiden.

3. Es gibt eine Auflösung des Leidens.

4. Es gibt einen Weg, der aus dem Leiden herausführt.

 

Dieser Weg ist der sog. Edle achtfache Pfad. Im Grunde - wie alle wesentlichen Dinge - einfach gehalten bietet dieser Weg uns dennoch ein wunderbares "Gerüst für unser Sein", unabhängig von der individuellen Konfession, daß heißt man muß nicht Buddhist sein um dennoch von diesen Pfaden profitieren zu können.

Der achtfache Pfad

1. die rechte Sicht

2. das rechte Denken

3. die rechte Sprache

4. das rechte Handeln

5. die rechte Lebensweise

6. die rechte Hingabe

7. die rechte Achtsamkeit

8. die rechte Versenkung

Diese einzelnen Aspekte des Pfades möchte ich im Folgenden genauer betrachten, auch wenn sich für den initiierten Buddhisten noch einmal tiefere Betrachtungsräume bieten, welche diesen Rahmen aber sprengen, da sie ein tieferes buddhistisches Verständnis erfordern.

Hier möchte ich vielmehr versuchen, diesen Weg auch für den alltäglichen "Hausgebrauch" verständlich und nutzbar zu machen.

Die rechte Sicht

Wir sehen gerne nur, was wir sehen wollen und vermögen es oft wunderbar, viele der Dinge, die uns unangenehm, lästig oder mühseelig sind, zu "übersehen". Damit ist unsere Sicht natürlich unvollständig. Die rechte Sicht bedeutet, weiter als bis zur eigenen Nasenspitze zu sehen, heißt, "Wer Augen hat zu sehen, der sehe!" und hier sicherlich vor allem im übertragenen Sinne. Die rechte Sicht meint eben nicht alleine eine Lichtreflektion auf der Netzhaut, sondern ein Erkennen dessen, was wir sehen.

 

Das rechte Denken

"Das Bedenklichste in unserer bedenklichen Zeit ist, daß wir noch nicht denken!" formulierte Martin Heidegger einst provokant. Betrachten wir das Denken des Alltags, schauen wir eine weile dem bunten Treiben in unserem Kopf zu: Unzählige Monologe, Dialoge, Diskussionen, Reflektionen, Erörterungen, Wortspielereien, Satz- und Wortakrobatiken bis hin zu "mentalem Stretching", als welches ich manche Gedankengänge von Zeitgenossen bezeichne. Es ist eine One-Man-Band inklusive Publikum ohne Start- und Stop-Knöpfe und auch ohne Lautstärkeregler. Und diese "Band" steuert und verwaltet unser tägliches Handeln mit, filtert, reguliert, stimuliert, beinflußt unser Sein!

Mit Denken ist hier jedoch nicht allein die Funktion des Denkens alleine gemeint, es ist der Geist mit all seinen Funktionen, welche meist allerdings eher rudimentär genutzt werden.

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Die rechte Sprache

Mit wohl kaum einem anderen Werkzeug ist mehr Unheil auf dieser Welt gesät worden als mit dem Mund. Dennoch ist dieses Körperteil eines der unkontrolliertesten. So wird die Sprache über Kommunikation hinausgehend längst als Werkzeug und Waffe verwandt. Das Spektrum reicht von jenen, die "schneller reden als denken können", hin zu Gerüchteküchen und ihren Köchen/Köchinnen, über Ränkeschmiederei, die Sprache der Politiker, hin zur Lüge.

Doch die Sprache beginnt in ihrer Bedeutsamkeit schon viel eher, z.B. beim Ja- oder Nein-Sagen, manchmal auch gerade dort, wo man schweigt. Denn auch Schweigen kann Sprache sein - manchmal auch die rechte.

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Das rechte Handeln

Eigentlich wissen die meisten Menschen wie der Lauf der Dinge ist, was ihnen gut tut und was nicht, was sie tun sollten um ein zufriedenes selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch kaum jemand ist in der Lage oder bereit das zu tun, was zu tun ist.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Die Wahrheit läßt nicht die Wahl zwischen zweierlei!" Dennoch spielen wir nur allzu gerne das "Einerseits-andererseits"-Spiel und verhindern damit, uns entscheiden zu müssen und die Verantwortung für unser Tun und Handeln zu übernehmen.

Was mag nun rechtes Handeln bedeuten? Eine Richtung für den Hausgebrauch: In Eigenverantwortung dies in die Tat umsetzen, was uns unser gesamtes Potential an Erkenntnis, Intuition, Inspiration und Kompetenz als notwendig und wichtig erscheinen läßt.

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Die rechte Lebensweise

Wie gestalten wir unser Leben? Wenn Du Dein Leben als ein Haus mit Garten betrachten würdest, wie ist es gestaltet? Wie sehen die einzelnen Etagen aus? Und nach der Betrachtung wie es aussieht schau, was Du mit diesem Haus machst, wozu Du es nutzt/oder nicht nutzt. Die rechte Lebensweise bedeutet das Leben in seinen einzelnen Bereichen zu gestalten, vielleicht angefangen mit den primären Lebensbedürfnissen wie z.B. die Ernährung und Schlaf, bis hin zur Beziehungsgestaltung und nicht zuletzt zur Gestaltung des Augenblicks, des Hier und Jetzt. Zumeist sind wir in Gedanken mehr in der Vergangenheit (Erinnerungen) oder in der Zukunft (Visionen/Träume), wodurch die Gestaltung des Augenblicks mehr den Bedürfnissen der Vergangenheit oder unseren Wünschen angepaßt ist als dem tatsächlichen Hier und Jetzt.

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Die rechte Hingabe

Alles Handeln bedarf der Hingabe - wie ein Segel Wind braucht. Zunehmend machen viele nur noch das mit Hingabe, wozu sie "Lust haben", alles andere wird "so lala" umgesetzt. Unsere Hingabe bestimmen wir gerne über unsere primären oberflächlichen Bedürfnisse, welche jedoch sehr abhängig von Launen, Stimmungen und "Wettereinflüssen" sind.

Weiterhin muß alles einen bestimmten Nutzen/Wert haben, im Sinne von "Ich investiere nur soviel Hingabe, wie ich an Gewinn erhalte!", also Hingabe im Sinne von Investition. Alle Handlungen, welche nun unterhalb der Kriteriengrenzen Lust und Gewinn fallen, bedeuten plötzlich Leiden - sie sind lästig, unbequem, anstrengend. Das Leben wird zur Tragödie. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten:

a) "Ich spüle Geschirr, weil ich es muß und das Zeugs hier aus dem Weg soll bevor es anfängt von selbst zu laufen!"

b) "Ich spüle Geschirr, damit ich und andere später davon essen und trinken können!"

c) "Ich spüle Geschirr um Geschirr zu spülen!"

Letztere ist die "buddhistische Variante".

Rechte Hingabe ist, loszulassen von schön und lästig, süß und sauer und auch die kleinste alltägliche Handlung mit voller ungeteilter Hingabe zu erfüllen.

Hingabe läßt das Licht des Herzens scheinen - und so hinein in die kleinsten Nischen unseres Seins.

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Die rechte Achtsamkeit

Wir tendieren dazu, selbst diese Dinge, die wir "so lala" erfüllen, auch noch halb zu machen, d.h. wir hören Radio, schälen dabei Kartoffeln, unterhalten uns und überlegen gleichzeitig, was abends im TV läuft. Nicht verwunderlich, daß jede Einzelaktion, die ja jeweils nur ein Fünftel unserer Aufmerksamkeit bekam, auch nur "so lala" vom Ergebnis her wird.

Weil wir Angst haben, etwas zu verpassen, sind wir mit unserer Achtsamkeit immer nur "so in etwa" bei der einen Sache, schielen aber gleichzeitig auf drei andere. Es ist wie mit der Katze, die auf vier vor ihr sitzende Mäuse zuläuft. Sie läuft zuerst der einen hinterher, dann der nächsten, da diese auch wegläuft wiederum einer anderen und endet am Ende ausgelaugt und hungrig mit leerem Magen.

Rechte Hingabe ist, EINE Sache GANZ zu tun.

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Die rechte Versenkung

Oft nennt man diesen Pfad auch die rechte Meditation, doch betrifft in der hier verwendeten Betrachtungsweise auch jene Menschen, die keinerlei Meditation praktizieren.

Versenkung - aber wohin? In einen Zustand? Aber welchen?

So ließe sich eine endlose Fragenkette weiterführen. Das Ziel der rechten Versenkung ist die eigene Mitte, zurück zum Wesenskern. Unsere Aufmerksamkeit, durch die Hast und Betriebsamkeit des Alltags gerne nach außen und fort von uns verlagert wieder zurückholen, zurück zum Selbst-Sein. Wenn Du mit ganz Dir bist bist Du auf direktem Wege zur rechten Versenkung und aus dieser Haltung heraus findet tiefe Zentrierung statt, die wiederum die Rückkehr zu wuji ist, aus dem heraus alles stattfinden kann.

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Soweit der achtfache Pfad in einer sehr vereinfachten Kommentierung. Eine tiefere Betrachtung ergibt sich aus der Perspektive der Drei Kostbarkeiten buddha, dharma und sangha. Offensichtlich ist, daß alle acht Aspekte miteinander verbunden sind und sich wechselseitig beeinflussen.

Man unterteilt diese acht Aspekte in die Bereiche Weisheit (1-2), ethische Erziehung (3-5) und geistige Disziplin (6-8), also eine Seinsgestaltung auf verschiedenen Ebenen, welche aber - wie schon erwähnt - miteinander verwoben sind.

Dieser achtfache Pfad bezieht sich auf das gesamte Sein im makrokosmischen Aspekt, er kann jedoch ebenso als Richtschnur für das alltägliche Handeln oder auch für eine Kunstform verwendet werden, gleich ob Taijiquan, Qigong, Tuschemalerei oder andere. Als Einstieg mag es schon eine gute Übung sein, sich einen solchen Praxisbreich zu wählen und darüber nachzusinnen, was z.B. in puncto Taijiquan die rechte Sicht, das rechte Denken, die rechte Sprache, das rechte Handeln etc. bedeuten mögen. Und wie wäre es , dies vielleicht direkt einmal mit der rechten Hingabe zu versuchen, statt "so lala"?