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Taijiquan - Was ist es denn jetzt eigentlich?

Kampfkunst, Seniorengymnastik oder Erleuchtungsweg?

Immer wieder höre ich die verschiedensten Stellungnahmen, Einschätzungen und Spekulationen zu diesem Thema, weshalb ich ihm einen Artikel auf dem Wushan widmen möchte. Ja was ist es denn nun, das Taijiquan und was bringt es? Ist es eine wunderbare Gesundheitsprophylaxe, eine überlegene Kampfkunst, ein spiritueller Weg oder ein lukratives Geschäft? Sicherlich ist von alledem etwas daran - je nach "Betreiber" - und die Beantwortung hängt nicht zuletzt von der Klärung einiger Komponenten ab: Wer macht was aus welchem Grund? Haben wir Antworten für diese drei Unbekannten so ergibt sich zumindest eine Grundlage zur Beantwortung. Letztendlich muss ein jeder für sich seine Antwort finden, das Folgende soll jedoch schon einmal eine Annäherung an die Thematik geben.

Taijiquan und Kampfkunst

Unbenommen ist dass Taijiquan eine effektive Kampfkunst war. Zu Zeiten Yang Luchans muß sie durchaus effektiv gewesen sein, wäre ansonsten die Leibgarde des Kaisers hierin ausgebildet worden? Historisch belegt ist ebenso, dass Yang Luchan und ebenso seine Söhne eine ganze Reihe namhafter Kampfkünstler handfest in ihre Grenzen verwies. Die Frage ist jedoch, ob deren Intentionen, Praktiken, Übungscurriculum und Übungskontinuum vergleichbar sind mit den heutigen Standards. Es bedarf sicherlich keinerlei Diskussion einzusehen, dass der/die heutzutage Praktizierende sich in allen vier Punkten wesentlich von den Urvätern unterscheidet. Wer sich also auf die Urväter und ihre Fähigkeiten beruft und sich in ihren Schatten stellen möchte, schmückt sich in entweder naiver, ignoranter oder dreister Weise (Kombinationen sind nicht nur möglich sondern auch verbreitet) mit einem fremden Lorbeerkranz.

taiji?Wäre Taijiquan immer noch die überlegene innere Kampfkunst dann könnten wir sicherlich davon ausgehen dass die heutige Leibgarde des US-Präsidenten von z.B. Chen Xiaowang im Taijiquan trainiert würde. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Präsidentengattin ab und an zum Taiji-Kurs geht. Nicht zuletzt dieses Beispiel mag uns aber auch daran denken lassen, dass eine adäquate Selbstverteidigung heutzutage weniger eine Faustkunst ist. Sind wir immer noch von Wegelagerern und Banditen umlagert und wird Recht und Freiheit heute noch mit der Faust erlangt? Wohl kaum. Die Wegelagerer von heute mögen eher Banken, Finanzämter, Juristen und eine konsumabhängig machende Industrie sein. Die Waffen sind eher das geschriebene und/oder gesprochene Wort.

Taijiquan und Gesundheit

Mittlerweile liegen zahlreiche wissenschaftliche Ergebnisse über die guten gesundheitsprophylaktischen Aspekte das Taijiquan vor. Leider bestanden die Versuchsgruppen jedoch immer aus einer taijiquan-praktizierenden und einer nichtpraktizierenden Gruppe. Nie hörte ich von einer dritten, beispielsweise walzertanzenden Vergleichsgruppe oder einer Yoga-Gruppe. Auch hier wie in anderen Abschnitten ist zudem die Frage, was und wie denn letztendlich von wem unterrichtet wurde. Entspannte langsame Bewegung mit klangvollen Namen? Oder die Kunst der 13 Bewegungsformen gemäß der Klassiker?

Wenn ich meinen Daumen ein wenig mehr abspreize wird damit noch keine Qi-Leitbahn geöffnet, wenn ich meine Knie nicht durchstrecke wandert noch keine Energie in die Hände, wenn ich in der Stellung "Der Kranich spreizt seine Flügel" stehe schnarchen die Chakren weiter vor sich hin und eine nette New Age-CD im Hintergrund lässt mich allenfalls noch ein wenig mehr wegdriften als ich es vielleicht so schon beim Üben bin.

Zwar macht das mystisch-geheimnisvolle Anspielen eines Lehrers/einer Lehrerin auf qi, Meridiane und geheime Künste einiges her und der Anfänger ist gerne bereit viel Geld für solch ein "Mythen in Tüten"-Spiel zu bezahlen. Doch gesund ist dies noch nicht implizit. Auch der nun schon populäre gesundheitspräventive Einsatz ist oft fraglich: Auf einer großen Qigong-Tagung, veranstaltet von der Qigong Yangsheng-Gesellschaft in Bonn, referierte z.B. ein Neurologe über den erfolgreichen Einsatz von Qigong in der stationären Behandlung von Psychotikern. Waren Sie schon mal in einer geschlossenen Abteilung einer Psychatrie? Können Sie sich vorstellen, dass diese Patienten, mit Psychopharmaka durchweg niederretardiert und in ihrer Wahrnehmung rundum anästhisiert, irgendwie bewusst qi wahrnehmen oder lenken könnten? Ich nicht. Auf die Frage, welches positive Ergebnis den mit Qigong erzielt wurde war die Antwort: Die Patienten fühlten sich besser. Sicherlich wäre das gleiche Resultat auch erzielt worden wenn man mit ihnen einen kleinen Ausflug gemacht hätte (Ähnlichkeiten mit dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest" sind rein zufällig).

Mal ganz abgesehen davon dass Taijiquan und Qigong-Praxis bei psychisch Kranken vollkommen kontraindiziert ist, da es die per se schon wackelige und poröse Ich-Struktur weiter aufweicht.

Taijiquan und Spiritualität

"Der" MeisterEines der beliebtesten Motive zum Taijiquan-Üben, benannt oder unbenannt, ist die Verbindung zwischen Taijiquan und Spiritualität. Das Bild vom weisen erleuchteten Meister steigt in unseren Klischeeköpfen auf, der mit sanfter minimaler Bewegung oder sogar ohne körperliche Berührung den "Bösen" kampfunfähig macht und da er solch ein wunderbarer Meister ist hat er den Gegner nicht einmal verletzt. Mit solchen Idealen und Klischees lässt sich wunderbar Geld verdienen und der Markt hierfür ist riesig. Für solch einen Traum sind viele bereit über lange Zeit hohe Kursgebühren zu leisten und sogar auch hier und da ein Tröpfchen Schweiß zu lassen.

Wäre aber Taijiquan ein Erleuchtungsweg so hätte Yang Luchan seine Söhne nicht soweit niedergemacht dass sie verzweifelt von zuhause ausbrachen, Yang Banhou hätte nicht versehentlich seine eigene Tochter mit dem Stock umgebracht und einige der Taijiquan-Cracks wie Yang Shaohou und Yang Banhou wären nicht opiumsüchtig geworden, ganz abgesehen von ihrem durchweg schlechten Ruf als Lehrer. So traurig es ist: So aber war es!

Es ist jedoch nicht verwunderlich dass der Bezug Taijiquan und Spiritualität so dicht ist wie Pommes und Mayonnaise: In welcher Zeit etablierte sich Taijiquan im Westen? Es war Cheng Manching der in den USA - und damit im Westen - Taijiquan als erster publik machte und spannend ist hier der Zeitpunkt. Nennen wir nur ein Jahr aus CMCs Blütezeit und man ahnt es: 1968! Flowerpower, "Make love not war", "All you need is love", es regnete Gurus vom Himmel und eine Welle der Sehnsucht nach dem "Einssein mit dem Kosmos" schwappte durch den Westen. Auf diesem Nährboden wuchs die erste Taijiquan-Saat im Westen. Mutterland China war zu dem Zeitpunkt weit davon ab Kurskorrekturen durch Fachkundige beizusteuern da man dort zu diesem Zeitpunkt Taijiquan u.ä. für altes überholtes und feudalistisches Gedankengut hielt. Bis in die heutige Zeit jedoch tragen viele Autoren und Referenten diese einseitige und mehr verschleiernde als aufklärende These des Taijiquan-"Weges" mit dreister Überzeugung vor.

Bedenkt man nun noch die sich in den Achtzigeren anschließende New Age/Esoterik-Welle so macht es nicht wundern dass auch hier Taijiquan und Qigong mit eingebunden wurden.

Ergo ist alles Humbug?

Mitnichten! Ich wollte hier nicht das Kind mit dem Badewasser ausschütten, wohl aber mit einigen "kultigen" Einfaltsmotiven aufräumen, was ich in den vorangegangenen Zeilen auch getan habe. Doch, sicherlich hat es seinen guten Grund, wenn ich mich selbst über viele Jahre mit Taijiquan beschäftige. Deshalb hier mein - ganz persönlicher - Standpunkt:

Kampfkunst

Ja, Taijiquan kann eine faszinierende, komplexe Selbstverteidigungskunst sein. Doch wer sich speziell dem Aspekt der Selbstverteidigung widmen möchte findet andere Stile, welche inhaltlich weniger komplex sind und deren Effektivität in Relation zum Trainingsaufwand weitaus größer und gezielter sind. Aber auch dann, wenn man den Schwerpunkt nicht auf die Kampfeskunst legt, ist es unabdingbar, die dem Taijiquan zugrundeliegenden Prinzipien zu beachten und sie in der Form umzusetzen. Ein Bewegungsablauf, in dem peng, lü, ji, an, zhai, li, jou und kao - wenn überhaupt - nur theoretisch umgesetzt werden, indem man eine Bewegung so nennt, ist leer. Das "Füllen" der Bewegung jedoch bedarf jahrelanger Detailarbeit- und Praxis und kann nicht direkt umgesetzt werden. Wie kann man es denn dann erlernen?

Taijiquan lernen

Taijiquan lernen bedeutet nicht, sich in genüsslicher Entspannung via eines hübschen Bewegungsablaufs dahindriften zu lassen. Die Entspannung und viele Wohltaten kommen sicherlich bei gutem Üben - aber bis dahin ist es eine gewisse Wegstrecke, die zurückgelegt werden will. Langfristig gilt es, jede einzelne Bewegung mit den ihr entsprechenden Techniken zu füllen. Der Unterrichtsplan der WIA geht dabei stufenweise vor: Ein Anfänger ist mit den neuen Bewegungsmodellen, -prinzipien und -formen überfordert, wollte man alles auf einmal unterrichten. Er/sie hat zudem meist - und dies ist ganz natürlich - jeder Menge (falscher) Vorstellungen und noch viel mehr jahrzehntelang eintrainierte Bewegungsprogramme, die die korrekte Umsetzung einer Taiji-Bewegung verhindern. Eine Analogie aus dem Zen illustriert dies sehr schön: Der Schüler bittet den Zen-Meister ihm die Essenz der Erleuchtung zu vermittlen. Der Meister schüttet ihm Tee in seine schon gefüllte Tasse. "Meister, was tut ihr da?" ruft der Schüler empört. "Du bist wie diese Tasse hier, bis zum Rand gefüllt (im Taiji: mit Vorstellungen und Bewegungsmustern)! Wie sollte ich noch etwas hineingießen können?" antwortet der Meister. "Werde zunächst leer und komme wieder!" In der WIA wird der Taijiquan-Schüler nicht wieder nach Hause geschickt sondern beginnt mit den ersten Bewegungen. Eine Form wird geschaffen, die im Laufe der Trainingszeit allmählich gefüllt werden kann, so wie die Tasse (Form/waigong) den Tee (die Prinzipien/neigong) halten kann. Man kann den Tee sicherlich auch auf den Teppich gießen (das sind die Taijiquan-Theoretiker, die sich über Jahre primär gedanklich mit den Theorien und Prinzipien beschäftigen), doch nur in der Tasse (Praktizieren der Form/Verbinden von waigong und neigong) kann man den Tee auch genießen (anwenden).

Von den Wohltaten des Taijiquan

Natürlich bringt es eine Menge, Taijiquan zu üben - auch jenseits der Kampfeskunst! Die regelmäßige Praxis des Taiji schult eine tiefe innere "awareness", ein vertieftes - zunächst körperliches - Wahrnehmen im hier und jetzt. Oft berichteten meine Schüler/innen später, dass sie sich nach dem Üben sehr unterschiedlich fühlten. Manche fühlen sich nach dem Training wesentlich wacher, andere verspürten anfänglich große Schwere und Müdigkeit. Das dahinterliegende Phänomen ist, dass der "Normalverbraucher" nach einem vollbrachten Arbeitstag innerlich immer noch aufgedreht ist und wenig Wahrnehmung für die eigene Befindlichkeit hat ("...es gibt ja noch eine Menge zu tun heute!"). Nach dem Taijiquan-Training ist man wesentlich tiefer im Kontakt mit sich und damit auch mit der eigenen Befindlichkeit, physisch wie psychisch. Und wer sich über den Tag (in der Regel aber über lange Zeitstrecken) erschöpft hat spürt dies nun sehr deutlich. Mancher mag das nicht gerade als Wohltat sehen, doch indem wir spüren können, wie es uns geht vermögen wir entsprechende Maßnahmen vorzunehmen, die unseren "inneren Tank" wieder auffrischen lassen. Dieser unscheinbare Aspekt ist ein häufig weit unterschätztes Kriterium in der doch angestrebten Gesundheitsprophylaxe. In der Regel tendieren wir nämlich eher dazu Zustände zu vermeiden, die uns fühlen lassen, wie es uns wirklich geht (weshalb das "Wegdrift-Taiji" auch so beliebt ist!).

Doch auch das "Erfrischtsein" ist - wie alles - ein natürliches Phänomen. Die Bewegungen des Taiji haben Stagnationen des Blutes und des qi lösen können, Hände und Füße sind nun warm, ein wohliges entspanntes Körpergefühl erfühlt uns. Alte, verhärtete (und oft falsche) Bewegungsmuster werden im Taijiquan aufgelöst und weichere, energetische und doch "kraftschonendere" Bewegungsmuster eingeführt - wenn sie richtig unterrichtet werden! Ja, auch der Alltag hat seinen Einfluß auf das Taijiquan-Üben. Aber auch das Taiji kann sich auf den Alltag auswirken, was allein schon daraus verständlich wird, wenn wir o.g. Aspekte berücksichtigen.

Zurück zur Frage: Kampfkunst, Seniorengymnastik oder Erleuchtungsweg?

Taijiquan und Qigong sind kein Garant für irgendetwas. Schon allein die Frage "Wer unterricht wen?" beinhaltet zwei Unbekannte (x und y) und wirft zudem hunderte Fragezeichen auf. Ich möchte es so formulieren: Taijiquan ist eine Kunst, die auf Basis einer ursprünglichen Kampfkunst zu bewussterem Umgang mit sich und seiner Umgebung führen kann und durch praktische Umsetzung seiner Prinzipien und Trainingsinhalte pathogene Bewegungsmuster in gesunde umzuwandeln vermag, unabhängig von Alter, Geschlecht etc..

Taijiquan kann im Sinne einer Seinskultivierung einen wesentlichen Beitrag zu einem ganzheitlichen bewussten Leben leisten. Es setzt aber qualifizierten Unterricht und die entsprechende Praxis, Kontinuität und Bereitschaft des Übenden voraus, sein Sein verändern zu wollen und die entsprechenden Konsequenzen und Handlungen auch in die Praxis umzusetzen.

Leben zu gestalten, zu verändern, alte Muster aufzugeben und neue zu entwickeln sind wohl die schwersten und elementarsten Aufgaben des Seins, die sich nicht "mal eben so" durch eine Übungsstunde in der Woche bewältigen lassen.

Der/die Taijiquan-Übende der Gegenwart muß sich nicht mehr gegenüber Wegelagerern behaupten und auch nicht mehr den Stil einer Tradition im Kampf repräsentieren und das ist gut so. So kann Taijiquan - wie andere Stile und Künste auch - durchaus andere Schwerpunkte für den/die Übende haben als kämpferische Überlegenheit. Doch das allein macht es noch nicht zu einem spirituellen Weg geschweige denn zu einem Erleuchtungswe